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Von Anton Notz, Berlin
Nach Jahren einsamer Ostermärsche formiert sich in Deutschland eine neue Friedensbewegung. Am Samstag wird sie erstmals wieder Stärke demonstrieren. Doch die Aktivisten ahnen, dass sie einen Krieg im Irak nicht mehr verhindern können.
Bald gehen sie wieder auf die Straße. Zu Zehntausenden. Werfen Bush, Saddam und Schröder ihren Spott entgegen. Und den Zuschauern Kamellen. "Würden wir auf jede kriegerische Auseinandersetzung Rücksicht nehmen, dürften wir gar keinen Karneval mehr feiern", sagt Franz Wolf, Deutschlands oberster Narretist. Bald, sehr bald schon gehen sie wieder auf die Straße. Zu Zehntausenden. Rufen dem US-Präsidenten "Kein Krieg für Öl" nach; verbitten sich vom irakischen Diktator, vereinnahmt zu werden; und schelten den Bundeskanzler, weil er den amerikanischen Streitkräften Überflugrechte gewährt. "Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie der Präventivkrieg salonfähig wird", appelliert Andreas Buko, Wortführer des Netzwerks Friedenskooperative. Zahl der aktiven Kriegsgegner wächst Aus der Sicht amerikanischer und britischer Bellizisten ist Buko genauso ein Narr wie der Chefkarnevalist Wolf. Ein typischer Vertreter des "alten Europa", wie ihn US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor Augen hat, wenn er Deutschland in eine Reihe mit den "Schurkenstaaten" Libyen und Kuba stellt. Trotzdem - oder gerade deshalb? - werden es täglich mehr. Je näher der Waffengang in Irak rückt, desto stärker wächst hier zu Lande die Zahl der aktiven Kriegsgegner. Es formiert sich eine neue Friedensbewegung. Basisgruppen, die viele Jahre mühselig vor sich hin wurstelten, die beim Ostermarsch "Give peace a chance" allenfalls noch im Dreierkanon singen konnten, haben wieder Zulauf. Picassos Friedenstaube, lange ausgeflogen, kehrt wieder auf T-Shirts und Transparente zurück. Seine erste große Bewährungsprobe erlebt das Anti-Kriegs-Bündnis am kommenden Samstag, wenn weltweit für eine friedliche Konfliktlösung demonstriert wird. Von Adelaide bis Warschau, in über 300 Städten auf allen fünf Kontinenten. In Berlin erwarten die Organisatoren mindestens 80.000 Protestierer, hoffen aber insgeheim, dass es 150.000 werden. Friedensbewegung formiert sich Ein breites Spektrum hat sich unter der Parole "Nein zum Krieg gegen den Irak" versammelt: die Globalisierungsgegner von Attac, die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges, die Jungsozialisten, Pax Christi, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Über 50 Initiativen gehören mittlerweile zum Trägerkreis. Ihre provisorische Schaltzentrale ist das Gewerkschaftshaus im Bezirk Charlottenburg. Von einem kleinen Büro im dritten Stock aus managt Laura von Wimmersperg den bevorstehenden Marsch zum Brandenburger Tor. Telefon, Tür-auf-Tür-zu, Handy, E-Mail, Tür-auf-Tür-zu, so geht das hier den ganzen Tag. "Ich bin eine alte Friedenskämpferin", sagt die im Osten aufgewachsene Frau mit dem glatten, grauen Haar. Einen Angriff auf den Irak lehnt sie ab, weil er unschuldige Zivilisten treffe und zudem die Gefahr bestehe, dass eine ganze Region in Brand gesetzt werde. "Auch Peter Scholl-Latour liegt auf unserer Wellenlänge", und der sei ja unverdächtig, sich politisch vor einen Karren spannen zu lassen. Während von Wimmersperg gerade darlegt, die neue Friedensbewegung opponiere gegen die Politik der US-Regierung, sei aber keinesfalls antiamerikanisch, schneit ein Mann von der PDS herein. Holt zwei Kartons Flugblätter und 150 Plakate und ist gleich wieder verschwunden. "Die mobilisieren im Osten ungemein", erzählt sie und gibt sich wenig später selbst als "äußerst kritische Parteigängerin" zu erkennen. "Jeder Krieg ist eine Niederlage für die Menschheit" Offenkundig versuchen die Postkommunisten, die durch Wahlniederlagen ziemlich bedeutungslos geworden sind, auf den anfahrenden Anti-Kriegs-Zug aufzuspringen. Aber das Aktionsbündnis der Friedensgruppen zeigt sich resistent. Als bei der Montagsdemo in Berlin ein strammer PDS-Kader mit roten Fahnen auftaucht und eigene Parolen plärrt, bringen andere sie - "Haltet’s Maul" - zum Schweigen. "Im Trägerkreis haben die Parteien nichts verloren", stellt Sprecher Jens-Peter Steffen klar. Dieses strikte Verbot gilt für die SPD, die ihre Genossen zur Demonstration aufgerufen hat, genauso wie für die Grünen, die sich nach den Worten ihres Vormannes Reinhard Bütikofer als "Speerspitze der Friedensbewegung" verstehen. In den vergangenen Tagen hätten sie sich kaum retten können vor Unterstützungsangeboten der Regierungsparteien, berichten die Organisatoren. Vor allem die Grünen scheinen wie befreit von inneren Zwängen: Endlich einmal ein Krieg, zu dem man vorbehaltlos Nein sagen kann. Die Militäreinsätze im Kosovo und in Afghanistan hat die Basis mit Widerwillen ertragen. Diesmal aber stemmt sich auch der heimliche Parteivorsitzende Joschka Fischer gegen eine militärische Lösung in Irak und den Vorwurf aus Übersee, die meisten Deutschen seien Weicheier. Er wisse sich einig mit dem "Heiligen Vater", eröffnete der Bundesaußenminister vergangene Woche nach einem Besuch im Vatikan. Eine Premiere. Bisher hat Schröders Vize den Namen von Gottes Stellvertreter auf Erden gerne mit ironischem Unterton begleitet. Jetzt sympathisiert er mit der Botschaft des Papstes: "Jeder Krieg ist eine Niederlage für die Menschheit." "Nein zum Krieg gegen den Irak" Für die gesamte Friedensbewegung ist dieses Monitum ein Segen. Anders als bei früheren Protesten schlagen sich die katholische und die evangelische Amtskirche mit aller Macht auf die Seite der Kriegsgegner. "Das ist enorm wichtig", sagt von Wimmersperg, die Atheistin. "Mit der Kirche ist das wie mit der PDS: Wenn die Pfarrer sagen ´geht hin´, dann gehen sie." Die Probeläufe für die Großdemo haben etwas von Flurgottesdiensten. Ob in München, Frankfurt am Main oder Bremen: Christen bekennen Farbe. Selbst in der Provinz öffnen Pastoren die Kirchenpforten für Friedensgebete. "Einfach wunderbar", schwärmt Fred Klinger von Pax Christi, der für Samstag den "Schwarzen Block" organisiert und dabei auch auf einige Bischöfe zählt. Oftmals fühlte sich der 52-jährige Pazifist als Außenseiter, lag im Clinch mit den Kirchenoberen. Nun hat er sogar den deutschen Militärbischof an seiner Seite. "Mit der Friedensbewegung habe ich nie viel zu tun gehabt", gibt Walter Mixa zu. "Aber für mich gilt, was wir deutschen Bischöfe in unserer Erklärung ´Gerechter Friede´ formuliert haben. Demnach wäre ein Angriff auf den Irak unmoralisch." Bush muss diesen Krieg führen George W. Bush, der bei seinem Kampf gegen das Böse selbst religiöse Anleihen macht, ist solche Kritik aus dem eigenen Land vertraut. Er hält sie für blauäugig: Was will man gegen Saddam mit Moral schon ausrichten? Vereinzelt sind in Deutschland ähnliche Stimmen zu vernehmen. "Wer das menschenverachtende Regime ignoriert, hat ebenso wenig eine moralische Legitimation zum Protest wie in den 80er Jahren die Gegner der Nato", sagt etwa BDI-Präsident Dieter Hundt. Friedensbewegte könnten sich jetzt wieder als bessere Menschen fühlen - "wenn auch jenseits der Realitäten dieser Welt, die leider nicht nur aus 'Gutmenschen' besteht". In Leipzig, Dresden und Magdeburg gibt es neue Montagsdemonstrationen. Vor drei Wochen wurden sie öffentlich kaum wahrgenommen. Inzwischen berichtet das Fernsehen, wenn sich an der Nikolaikirche zwei-, drei-, viertausend Menschen versammeln, wo einst die friedliche Revolution in der DDR begann. Mit dabei auch der einstige Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, wenn er nicht gerade anderswo seine Stimme gegen den drohenden Krieg erhebt. Der Theologe aus der Lutherstadt Wittenberg wird am Samstag neben Verdi-Chef Frank Bsirske Hauptredner vor dem Brandenburger Tor sein. An seinem Schreibtisch in der Evangelischen Akademie, versteckt hinter Türmen von Büchern, überlegt Schorlemmer bei einem Kännchen Tee, wie er den richtigen Ton treffen kann. Nicht zu emotional, nicht zu grobschnittig, nicht zu pathetisch. Wobei er sich doch erhofft: "Wer diesen Protest als Betroffenheitskitsch abtut, dem wünsche ich mal einen kleinen Schuss in den Hintern." Als Grundübel dieses Konfliktes sieht Schorlemmer den personalisierten Kampf zwischen Bush und Saddam. Dieser führe zur kruden Logik, durch Krieg Massenvernichtungswaffen vernichten und Terrorismus auslöschen zu wollen. Die Frage "Welches Leid beseitigt er, welches löst er aus?" werde nicht mehr gestellt. "Die Friedensbewegung verliert" Bei der Friedensbewegung hat Schorlemmer ebenfalls Schwächen entdeckt. So neu sei sie gar nicht, komme ein wenig altbacken daher. "Es ist schon fast peinlich, diese alten Lieder zu hören", stöhnt er und fragt sich: "Wo bleiben die jungen Leute? Wo bleiben sie?" Am Samstag treten Konstantin Wecker, Hannes Wader und Reinhard Mey als friedvolle Bänkelsänger auf, nicht HipHopper wie die Fantas oder RnBs wie Xavier Naidoo. Seinen starken Rückhalt findet der Protest in der Liedermacher-Generation der 80er Jahre und bei Menschen, die Krieg oder frühe Nachkriegsjahre noch miterlebt haben. Weniger dagegen bei der Spaßgeneration. Anders als beim ersten Golfkrieg 1991 herrscht an den Hochschulen weitgehend tote Hose. Die Fachschaft des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität Berlin vermeldete bis vor kurzen auf ihrer Homepage unter der Rubrik Aktuelles: "Nix los in letzter Zeit." Und an der Humboldt-Universität finden sich kaum Studenten, die den Anti-Kriegs-Tag in der Hauptstadt mit vorbereiten wollen. "Es ist schwer, an die Jungen ranzukommen", bedauert Laura von Wimmersperg. Kriegsgegner ohne Antrieb So müssen eben die Alten weiter ran. Leute wie der Gießener Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter, der vor 20 Jahren - wie Heinrich Böll und Walter Jens - das US-Raketendepot im schwäbischen Mutlangen blockierte. In diesen bewegten Zeiten ist der 78-Jährige wieder viel unterwegs, tritt am Samstag bei einer Kundgebung in Stuttgart auf. Anders als in den 80ern sei die Stimmung der Kriegsgegner heute nicht so aggressiv, beobachtet er. "Der Geist, der den Widerstand antreibt, basiert nicht auf jugendlichen Gefühlswallungen", sagt Richter. Diesen Geist will er hinüberretten in die Nachkriegszeit. Denn über eines macht er sich keine Illusionen: "Die Friedensbewegung verliert, der Krieg im Irak wird kommen."
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